Auszüge aus dieser Ausgabe:

„Ich war immer ein Teamspieler“ – Interview mit Gerd Rehberg
Tausend Trainer schon verschlissen – Teil 1
Mein erstes Mal – Zu Gast bei Eingeborenen
Weisse Noch?!



„Ich war immer ein Teamspieler“

(mw/usu) Stilecht feierte Gerd Rehberg seinen 70. Geburtstag natürlich auf Schalke. Nur wenige Tage später sorgte der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies für einen Paukenschlag. Wenig stilvoll kündigte er an, dass Rehberg am 31. Juli 2006 als Präsident zurücktreten werde. Ab 1. August werde Rudi Assauer den Posten innehaben. SCHALKE UNSER sprach mit Gerd Rehberg über seine Arbeit für den Verein, seinen Ärger, aber auch über die Freude auf die Weltmeisterschaft und sein Leben ohne offiziellen Posten.

SCHALKE UNSER:
Im Sommer 1995 titelt die WAZ: „In Schalke herrscht ein neuer Geist – Gerhard Rehberg lenkte das leckgeschlagene Schalker Schiff in ruhigere Gewässer“. Wie gelang Ihnen das?

GERD REHBERG:
Ich war mein Leben lang Teamspieler. Ich habe nicht versucht, mich persönlich zu profilieren. Gerade ein Vorstand lebt von Teamwork. Dies war auf Schalke ein bisschen verloren gegangen. Ich will mich nicht selbst loben, aber ich denke, ich habe einen großen Verdienst daran, dass der Vorstand wieder zum Team wurde. Der Verein war 1993/94 in sich zerrissen, es gab einen hohen Schuldenberg. Damals standen dem Etat von 28 Millionen Mark 19 Millionen Schulden gegenüber. Es war am Anfang verdammt schwer. Aber auf der anderen Seite hat es auch Spaß gemacht, weil wir wirklich alle zusammenstanden und jeder sich auch an seine Aufgaben gehalten hat.

Rudi hatte immer eine Ausnahmestellung, da er ja immer schon „das Schalke“ verkörpert hat. Er hat blendende Beziehungen zu Sponsoren, ich habe einen ganz guten Draht zur Politik und vielen anderen Menschen. Jupp Schnusenberg hat, was immer ganz wichtig war, gute Kontakte zu Banken. Mit Peter Peters haben wir einen der besten, wenn nicht sogar den besten Geschäftsführer der Bundesliga.

SCHALKE UNSER:
Häufig wurden Sie als Frühstücksdirektor bezeichnet. Doch ohne Ihren Einsatz hätte Schalke wohl nie die Landesbürgschaft für den Bau der Arena erhalten. Ärgert Sie es, dass Ihre Verdienste meistens nicht erwähnt werden?

GERD REHBERG:
Ich bin mal im Parkstadion in einem Halbzeitgespräch von Herrn Sprenger von Premiere angesprochen worden: „Herr Rehberg, man kennt Sie so wenig, kann man sagen, Sie sind Frühstücksdirektor?“ Ich habe geantwortet: „Das stört mich nicht. Wissen Sie, wenn man als Frühstücksdirektor so erfolgreich ist, dann kann man das ruhig sagen.“ Wir haben uns danach lange unterhalten und dann sagte er hinterher, er wollte sich für die Aussage vielmals entschuldigen. Er hätte das einfach so aufgeschnappt, ohne mich persönlich zu kennen. Diese Entschuldigung hat mich sehr gefreut.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich nie in meinem Leben ein Kopfnicker war. Ich habe immer meine Meinung gesagt. Das war auch in der Kommunalpolitik so. Ich hatte immer ein Stückchen Freiheit, denn ich hatte ja auch noch meinen Beruf. Ich kann zwar unheimlich stur sein, aber ich bin auch kompromissbereit. Trotzdem bin ich aber keiner, der zu allem „ja“ sagt!

SCHALKE UNSER:
Schon im März 2005 haben Sie darauf hinwiesen, dass Sie wohl nicht mehr die ganze Amtszeit machen werden. Dennoch fragen sich viele, warum Sie nicht selber der Öffentlichkeit den Zeitpunkt Ihres Rücktritts mitgeteilt haben.

GERD REHBERG:
Für mich persönlich war die Diskussion in den letzten Monaten schon sehr ärgerlich. Ich habe in der Tat bei der Verlängerung der Verträge – ich habe ja keinen Vertrag, ich mache es ja ehrenamtlich – gesagt, dass ich 2006 aufhören will. Sie sollten sich über einen Nachfolger Gedanken machen. Es war intern schon Rudi angedacht. Ich hatte dann noch gesagt, dass ich dies an meinem 70. Geburtstag oder, wo es eigentlich hingehört, auf einer Mitgliederversammlung im Sommer selber bekannt geben werde. Deswegen war die ganze Diskussion ein „alter Hut“. Man hätte einfach warten können, bis ich es sage. So wollte ich das auch. Ich wollte, wie es sich normalerweise auch gehört, den Mitgliedern persönlich mitteilen, dass ich jetzt aufhören möchte. Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass das vorher alles schon rausgequatscht wurde. Durch diese vielen Interviews, die da gegeben wurden, ist das alles kaputt gegangen. Das war nicht mein Wille. Ich wollte das anders.

SCHALKE UNSER:
Aber jetzt haben Sie zum Schluss Ihrer Amtszeit doch noch die Weltmeisterschaft in der Arena.

GERD REHBERG:
Das habe ich letztes Jahr auch bewusst so gesagt, dass ich erst nach der Weltmeisterschaft aufhören will. Das ist für mich noch ein persönlicher Höhepunkt. Hier in unserer Arena, da hängt doch Herzblut daran. Unsere Arena war ja bei der Bewerbung des DFB für die WM 2006 das Flaggschiff, das vergessen viele. Wir waren damals am weitesten von allen. Die Pläne waren fertig. Ich weiß noch: Da kam eine Fifa-Kommission, die sich schon einiges ansehen wollte. Die Grundsteinlegung war ja im November 1998. Wir wollten eigentlich schon im Frühjahr anfangen, aber da wurde das ganze Gelände noch nach Bomben abgesucht und somit hat sich das ganze verzögert.

Diese Kommission kam im Frühjahr und wir haben ein paar Laster und einen Kran hingestellt – dabei war da noch gar nichts. Wir haben da ein bisschen Show gemacht, und das ist uns dann ja auch zugute gekommen. Jetzt kann ich das ja alles erzählen. Da haben wir so getan, als wenn wir schon kräftig dran sind. Als die Kommission weg war, sind Laster und Kran auch wieder weggefahren worden. Das hat uns ein paar Mark gekostet. Aber auf der anderen Seite war es die Sache ja auch wert. Der oberste Stadionexperte war ein Schotte. Der war total beeindruckt. Wir hatten ja auch das schöne Modell.

SCHALKE UNSER:
Sie haben sich im Vorfeld die Befürchtung geäußert, dass bei der WM viele Plätze frei bleiben könnten, weil Sponsoren einen großen Teil der Karten verteilen.

GERD REHBERG:
Ja, das finde ich nicht gut. Man hat das ja bei der EM 2004 in Portugal gesehen. Die Stadien waren offiziell ausverkauft, aber wie man dann im Fernsehen gesehen hat, waren sie nur halbvoll. Die Sponsoren sind sicherlich wichtig, aber Fußball ist nun mal ein Volkssport und keine VIP-Veranstaltung, sondern eben auch für den kleinen Mann, der nicht so viel Geld hat. Das ist nicht wie in Bayreuth, wo nur bestimmte Leute Karten bekommen. Ich glaube, der Vergleich ist gar nicht mal so schlecht. Das ist schon ärgerlich, wenn die Sponsoren die Karten an Kunden verteilen, die dann aber gar nicht zu den Spielen gehen.

Auch diese Optionsscheine, für die die Leute so viel Geld bezahlen müssen, sind nicht im Sinne des Fußballs. Gut, dass man ein bisschen mehr für die Karten bezahlen muss, ist okay. Das ganze kostet ja auch viel, das ist leider so. Man kann ja jetzt auch die Karten kurzfristig vor den Spielen umtauschen, so dass es nicht mehr ganz so bürokratisch ist. Wir haben ja nicht umsonst das Motto „Zu Gast bei Freunden“. Das soll auch so sein. Die Sicherheitsvorkehrungen mit den persönlichen Daten. halte ich für übertrieben. Wenn jemand was machen will, der wird auch jetzt reinkommen. Ich hoffe doch, dass sich bis Juni einige Dinge wieder normalisieren.

SCHALKE UNSER:
Und jetzt kommt natürlich die unvermeidliche Frage: Wer wird Ihrer Meinung nach Weltmeister?

GERD REHBERG:
Deutschland nicht. Ich glaube, dass es Brasilien wird, die haben das Potenzial dafür.

SCHALKE UNSER:
Im April 1994, also im Jahr Ihres Amtsbeginns, kam das erste SCHALKE UNSER raus. Dieses Jahr im Mai wird die 50. Ausgabe rauskommen. Jetzt mal ganz ehrlich, was halten Sie davon?

GERD REHBERG:
Ich muss ganz ehrlich sagen, bei den ersten Ausgaben, die ich so mitbekommen habe, habe ich gedacht: Die müssen ja verrückt sein. SCHALKE UNSER ist nicht eine normale Fanzeitung. Da steckt viel Satire drin. Nachdem ich mehrere Ausgaben gelesen hatte, dachte ich mir: Doch, ist schon gut. Ich muss ehrlich sagen, ich lese es intensiver als unseren Kreisel, weil es im SCHALKE UNSER auch kritische Anmerkungen gibt. Ich habe auch erlebt, dass Kollegen ein bisschen beleidigt waren. Und bei manchen Artikeln habe ich auch gedacht: „Sind die bekloppt geworden, warum schreiben die so etwas?“ Aber insgesamt ist es schön, dass es immer die gleiche, deutliche Linie hat. Ich bin ja mit Schalke auch rumgekommen. Aber etwas gleichwertiges habe ich noch nirgends gesehen.

SCHALKE UNSER:
Was werden Sie ab dem 1. August machen?

GERD REHBERG:
Ich weiß es noch nicht genau. Aber ich werde keine Langeweile haben und bestimmt nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mich weiterhin in irgendeiner Form engagieren, mich zum Beispiel für das Jugendheim in Hassel stark machen. Zum Geburtstag hatte ich mir keine Geschenke gewünscht, sondern statt dessen die Unterstützung von zwei Jugendeinrichtungen, einer katholischen und einer evangelischen. Ich bin froh, denen auf diese Art etwas zu helfen und somit ihre gute Arbeit unterstützen zu können. Ich habe mittlerweile viele Freunde in der Türkei und bestimmt sieben oder acht Einladungen von türkischen Erstliga-Vereinen. Dort soll ich etwas über Strukturen erzählen. Ich werde rumreisen. Denn ich habe auch gute Kontakte nach Lettland, zum Präsidenten von Liepajas Metalurgs, mit dem ich befreundet bin. Er war auch bei meiner Geburtstagsfeier anwesend.

Sein Verhalten hat mir sehr imponiert. Er hat, als im September 2004 hier das Uefa-Cup-Spiel war, 100 Kinder mitgenommen. Die hatte er alle im Maritim untergebracht. Es waren Kinder aus sozial schwachen Familien. Er hat sie auch neu eingekleidet. In Liepaja ist er Hauptaktionär eines Stahlwerkes. Er hat ein Stadion gebaut, eine neue Eislaufhalle, ein Krankenhaus. Da kann sich hier so mancher Unternehmen oder Kapitalist eine Scheibe von abschneiden. Er ist natürlich stolz, dass sie jetzt das erste Mal lettischer Meister geworden sind. Der Trainer war vor kurzem zehn Tage hier und hat hospitiert.

Auf alle Fälle habe ich immer etwas zu tun. Aber ich werde nur noch das machen, was mir Spaß macht. Und auf Schalke werde ich natürlich weiterhin gehen. Allerdings werde ich mich nicht in die Vereinsgeschäfte einmischen und nicht den Schlaumeier machen.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft. Glück auf!


Tausend Trainer schon verschlissen – Teil 1

(rk) Nachdem wir in der letzten Ausgabe des SCHALKE UNSER unsere Serie der schönsten Skandale des FC Schalke 04 (zunächst) abgeschlossen und als Buch „Die Spitze des Eichbergs“ veröffentlicht haben, widmen wir uns nun aus gegebenem Anlass in unserer neuen Serie den schönsten Trainerrausschmissen des FC Schalke 04. Starten möchten wir unsere Reihe mit dem letzten Schalker Meistertrainer Edi Frühwirth.

Der Preuße aus Wien

Eduard „Edi“ Frühwirth, geboren am 17. November 1908 in Wien, verwirklichte als Spieler, anders als danach auf der Trainerbank, nur bescheidene Ziele. Er begann beim Erstligisten Rapid Wien; für die Hütteldorfer absolvierte er nur ein einziges Spiel als „Läufer“ am 11. Dezember 1927 gegen den Wiener Sportclub, welches die Grün-Weißen 5:2 gewinnen konnten. In der Folgezeit spielte er in den Jahren 1930 und 1931 beim Wiener AC, anschließend bis 1934 bei FS Elektra Wien sowie in den Jahren 1934 bis 1936 bei FC Libertas Wien, ohne größere Erfolge zu feiern. Im Jahre 1936 wechselt Edi Frühwirth schließlich zum Floridsdorfer AC, wo er nach seiner letzten Saison als Spieler 1940 seine Trainer-Karriere begann.

Edi Frühwirth verdiente sich als Trainer den Beinamen „Der Preuße aus Wien“ – eine Auszeichnung für seine akribische Arbeitsweise. Er arbeitete als einer der ersten in Österreich genaue Tagestrainingspläne aus. Als er später Trainer der Wiener Austria geworden war, drückte er jedem Spieler einen Zettel mit genauen Anweisungen in die Hand. Frühwirth wurde ob dieser Praktiken oft belächelt, der Erfolg gab ihm jedoch Recht. Er galt als Verfechter genauer Deckungsarbeit, raumgreifender Spielweise und vor allem großen konditionellen Einsatzes.

Er war als Trainer so etwas wie ein „Revoluzzer“ in Fußball-Österreich und sagte der auf die totale Offensive ausgerichteten „Wiener Schule“ schon nach Kriegsende ihren Untergang voraus – eine Anschauungsweise, für die er in den späten 1940er Jahren in Österreich von seinen Trainerkollegen gescholten wurde.

Als er 1952 bei seinem Verein SC Wacker Wien, den er von 1947 bis 1954 trainierte, erstmals auf das WM-System umstellte und zwei Flügelstürmer zu Verteidigern umfunktionierte, wurde er in Österreich als Totengräber des Fußballs und speziell der „Wiener Schule“ bezeichnet. Der Verzicht auf einen offensiven Mittelläufer zu Gunsten eines defensiven Stoppers, und damit den Mittelpunkt der Defensive, fiel den alten Anhängern des aus den 1920er Jahren stammenden „Scheiberlspiels“ sehr schwer.

Da er bereits im Jahre 1948 sechs Monate für den ÖFB tätig war, trug man ihm zusammen mit Hans Pesser und Josef Molzer für die Dauer der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz die Co-Trainer-Stelle zur Unterstützung des österreichischen Nationaltrainers Walter Nausch an. Das Erreichen des dritten Platzes der Elf gegen den Titelverteidiger Uruguay wurde auch im Lande des neuen Weltmeisters registriert: Edi Frühwirth wurde zur Saison 1954/55 als Nachfolger von Fritz Szepan Trainer der Königsblauen in der Oberliga West.

Schon in seiner ersten Saison zog Schalke unter Frühwirth in das DFB-Pokalfinale am 21. Mai 1955 in Braunschweig gegen den Karlsruher SC ein. Schalke verlor 2:3 vor 25.000 Zuschauern, „Catcher“ Sadlowski erzielte beide Tore. In der Oberliga landeten die Knappen auf Platz fünf.

In seiner zweiten Saison 1955/56 qualifizierte er sich mit Königsblau für die Endrunde. Nur wegen des schlechteren Torverhältnisses erreichte Schalke 04 nicht das Endspiel. Auch in der dritten Saison gehörten die Knappen zur Spitze im Westen. Die gelungene Heranführung der Spieler Borutta, Siebert, Koslowski, Karnhof, Kördell, Kreuz und Soya in die Stammformation sollte sich dann im vierten Jahr seiner akribischen Trainertätigkeit entscheidend auszahlen.

Mit Psychotricks zur Meisterschaft

Zuerst gelang der Titelgewinn in der Oberliga West in der Runde 1957/58. In der Endrunde distanzierte die Truppe um Bernhard Klodt mit 16:1 Toren und 6:0 Punkten die Konkurrenz aus Braunschweig, Berlin (TeBe) und Karlsruhe. Auch im Finale der Deutschen Fußball-Meisterschaft am 18. Mai 1958 in Hannover konnte der Hamburger SV die Frühwirth-Schützlinge nicht aufhalten. Mit 3:0 Toren wurde souverän die Meisterschaft erobert.

„Berni“ Klodt, der pfeilschnelle und trickreiche Außenstürmer, war an diesem Tage der Wegbereiter des klaren Schalker Erfolges. „Wir hatten lange gebraucht, bis wir wieder eine Spitzenmannschaft besaßen“, erklärte Berni Klodt. „Gegen die Hamburger lief alles wie am Schnürchen. Unsere Mannschaft war mit 22,5 Jahren im Schnitt noch sehr jung. Aber sie war auch sehr hart, konnte richtig hinlangen. Das war sicherlich nicht mehr der Stil der alten Schalker Meisterelf, unsere Stärken lagen auf anderem Gebiet“.

Das „Kreiseln“, das Verspieltsein in höchster Vollendung, davon hatte sich die Schalker-Mannschaft unter Trainer Frühwirth klar entfernt. Nüchterner Zweckfußball, auf der Grundlage genauer Deckungsarbeit und einer soliden konditionellen Basis, war jetzt angesagt und führte auch zum Erfolg. Aber das war nicht das Wesentliche an der Arbeit von Frühwirth in Schalke.

Harald Landefeld berichtet in seinem Buch über die Oberliga West (1993) über den Arbeitsstil des Wieners folgendermaßen: „Frühwirths Erfolge erwuchsen ebenso aus seiner menschlichen Wärme wie aus seinem fußballsportlichen Können. Er war der Erste, den ich kennen lernte, der die erst viel später in Mode gekommenen Gespräche mit seinen Spielern geführt hat. Er packte sich seine Jungs, unterhielt sich mit ihnen, gar nicht mal über Fußball, vielmehr über private Dinge. Er fragte und forschte mit psychologischem Geschick. Hinzu kam, dass er daran ging, sich als Trainer der Vertragsspieler auch selbst um die 18­Jährigen der A-Jugend zu kümmern und dort die Talente zu übernehmen. Heute alles selbstverständlich, damals jedoch revolutionär! So gingen die Spieler denn bald für den Mann, der ihre Sorgen so gut verstand, durchs Feuer.“

Lange genug Wiener Schnitzel gefressen

Nach dem Gewinn der Meisterschaft lief es aber nicht wie gewünscht weiter. Verletzungen (Helmut Laszig, Helmut Sadlowski), Abgänge (Hans Krämer) und die Integration von Neulingen (Hans Nowak, Heinz Hornig, Manfred Berz, Karl Loweg) konnte der Trainer nicht reibungslos auffangen, in der Oberliga musste man sich mit dem 11. Platz begnügen.

Das war den Alt-Schalkern zu wenig. Da konnte auch nicht die gute Leistung im Europa-Cup gegen KB Kopenhagen, Wolverhampton Wanderers (mit dem berühmten Rekordnationalspieler Billy Wright) und Atletico Madrid die Gemüter am Schalker Markt beruhigen.

Sag beim Abschied leise Servus

Die Trennung war schon verblüffend, denn die Schalker befanden sich wahrlich nicht in schlechter Verfassung. Die WAZ veröffentlichte als erste die Meldung, dass Schalke 04 Frühwirths Vertrag nach dem Ende der Saison nicht erneuern wird. Der Verein hatte diese Meldung nicht dementiert. Durch die Form der Veröffentlichung fühlte sich Edi Frühwirth brüskiert, was wiederum die Vereinsoberen nicht amüsierte. Alles also schon mal dagewesen, mag man denken, wenn man den Fall Ralf Rangnick betrachtet.

Tatsache war, dass der erste Vorsitzende des FC Schalke 04, Dr. Georg König, am 5. Januar eine Unterredung mit Trainer Frühwirth hatte, in der er ihm ein Vertragsangebot als Diskussionsgrundlage für einen neuen Zweijahresvertrag anbot. Es war kein Geheimnis, dass Frühwirth kein „biliger“ Trainer war. Das neue Angebot sah eine wesentliche Kürzung seiner Bezüge vor. Edi Frühwirth bat um eine Bedenkzeit von einer Woche, um sich die Angelegenheit zu überlegen.

Dr. König hatte daraufhin mehrfach Edi Frühwirth kontaktiert, der aber äußerte sich vier Wochen lang nicht. Dann traten Schalker Vorstand und Ältestenrat zu einer Sitzung zusammen. Man kam überein, den Vertrag mit Frühwirth nicht zu verlängern, aber mit dem Trainer „in Freundschaft“ auseinander zu gehen.

Dr. König sollte Frühwirth innerhalb einer Woche über die Entscheidung unterrichten. Erst nach einer Woche, nachdem alle Dinge geregelt waren, wollte man die Presse informieren. Jeder der zwölf Sitzungsteilnehmer verpflichtete sich bis zu diesem Zeitpunkt zu größtem Stillschweigen.

Einer aber brach sein Wort. Ein Journalist wurde informiert, der nur seiner Berufspflicht nachkam und die Meldung von Frühwirths Vertragskündigung seiner Zeitung gab. Ein Maulwurf im Vorstand? Hatte jemand Interesse an diesem Ablauf der Dinge?

Alle Welt aber fragte sich weiter, warum die Entlassung gerade zu diesem Zeitpunkt erfolgen musste, wo sich Schalke noch Hoffnungen auf den zweiten Platz in der Meisterschaft der Oberliga West und auf die Erringung des Europatitels machen konnte. Die Antwort aus Schalker Vorstandskreisen lautete: „Wenn wir einen neuen Trainer verpflichten wollen – und wir sind der Meinung, dass das nach fünf Jahren erforderlich ist – so müssen wir das jetzt und nicht erst am Ende der Spielzeit tun. Dann sind alle prominenten Trainer unter Vertrag und wir haben das Nachsehen.“ Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Edi Frühwirth konnte das alles nicht wirklich nachvollziehen, hatte er doch wirklich bislang bravouröse Arbeit geleistet: „Alles schön und gut, aber so geht man nicht auseinander“, so sein Fazit. Als Nachfolger holten die Verantwortlichen den Ungarn Nandor Lengyel an den Schalker Markt, der die Mannschaft zunächst mit seinen neuen Trainingsmethoden begeisterte, anschließend aber wohl an seiner „zu weichen“ Art scheiterte.

Erfolge in der Heimat

In der Saison 1959/60 setzte Frühwirth seine Trainerarbeit beim Karlsruher SC fort, bevor er anschließend wieder nach Wien zuückkehrte: Die Austria verpflichtete den ehemaligen Rapid-Spieler 1962 als neuen Trainer. Tatsächlich konnte er die Erwartungen sofort erfüllen. Austria Wien gewann 1963 die Meisterschaft und den Pokal.

Nach den zweiten Plätzen 1964 nahm er das Angebot des Verbandes an und wurde vom 20. November 1964 bis zum 13. Januar 1967 Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Mit der ÖFB-Auswahl erlebte er aber in der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England ein Desaster. In der Europa-Gruppe 6 hatte Österreich sich mit Ungarn und der DDR auseinanderzusetzen. Nach vier Spielen hatte das Austria-Team 1:6 Tore und 1:7 Punkte auf seinem Konto und war damit Tabellenletzter. Von einer Teilnahme bei der Weltmeisterschaft konnte keine Rede mehr sein. Damit war auch die Mission von Trainer Frühwirth gescheitert.

Berücksichtigen muss man aber die eklatante Schwäche der österreichischen Vereine in diesen Jahren. In den Europa-Cup-Wettbewerben war von 1963 bis 1966 jeweils spätestens in Runde zwei Endstation – einerlei, ob das Austria, Rapid, Admira, Linzer ASK, Grazer AK oder Wiener Neustadt war.

Von 1967 bis 1969 trainierte Frühwirth nochmals in Deutschland. Er übernahm Viktoria Köln in der Regionalliga West. Spitzenplätze erreichte er nicht, aber eine Aussage des ehemaligen Spielers und späteren Präsidenten des Nachfolgevereins Preußen Köln, Winnie Pütz, über seine Person ist bezeichnend: „Ein absoluter Ober-Psychologe, der junge Leute unheimlich gut motivieren konnte. Das war der Trainer, für den ich ab Donnerstag neun Uhr im Bett lag.“

Am 27. Februar 1973 ereilte Edi Frühwirth ein trauriges Schicksal. Im Schneetreiben auf der Autobahn zwischen München und Salzburg prallte sein Auto auf einen abgestellten Lastkraftwagen. Edi Frühwirth war auf der Stelle tot.


Mein erstes Mal – Zu Gast bei Eingeborenen

SCHALKE UNSER schildert in aufwühlenden Tatsachenberichten die Entdeckung der Leidenschaft. Mitmenschen brechen das Schweigen. Diesmal berichtet Almut, sie ist hörig ­ dem S04. Allerdings berichtet sie nicht von königsblauer Euphorie und Ekstase, nicht von Agonie und Apathie.

„Multikulti“ war ein Begriff, der 1974 im Ruhrgebiet keine Rolle spielte, im Ruhrgebiet gab es wenige Menschen anderer Hautfarbe. Dann kam die WM 1974. Kaum jemand nahm bewusst wahr, dass am 18.6.1974 eine Nationalmannschaft namens „Zaire“ in Gelsenkirchen spielte. Bis ich – damals 15 – eines Abends nach Hause kam und meine Mutter mich im Flur warnte „erschrick nicht, wir haben zwei Neger zu Besuch.“ Tatsächlich, in unserem Wohnzimmer saßen zwei kräftige schwarze Männer, die meine Mutter, immer gastfreundlich und dank VHS mit rudimentären Französischkenntnissen, in der Straßenbahn aus Essen kennen gelernt hatte. Sie hatten den Weg zum „Maritim“-Hotel in Gelsenkirchen gesucht. Nachdem auch mein Vater mit seinen noch rudimentäreren Französischkenntnissen die Einladung bestätigt hatte, sich mal anzusehen, wie eine deutsche Familie lebt, wagten sie sich in unsere kleine Dachwohnung.

Wir kauderwelschten dann sehr nett miteinander und lernten viel über das uns völlig fremde Land Zaire (aus der Sicht der Oberschicht). Dieser erste Abend führte zu zahlreichen weiteren Verabredungen der neuen Freunde aus Zaire mit meinem Freund Gerd und mir. So dolmetschten wir beim Shopping in Gelsenkirchen, wo die „armen Afrikaner“ mal eben mehrere Tausend DM in einem Kaufhaus ausgaben (davon hätten wir damals, glaube ich, ein Jahr gut leben können). Die Krönung der Deutsch-Zairischen Beziehungen war die Geburtstagsfeier des Vaters meines Freundes, als Geschenk gab es ein kostbares Hemd mit dem Porträt des Diktators Mobutu.

Die Gäste aus Kinshasa wollten sich bei Gerd, seiner Cousine und mir mit Karten (Haupttribüne) für das Spiel Jugoslawien gegen Zaire bedanken, leider verpassten wir uns aber in der Hotellobby. Natürlich wollten wir unbedingt dieses Spiel sehen. Wir wussten ja auch, dass die Karten für uns schon gekauft waren, aber was tun? Ich bekam eine Einladung eines jugoslawischen Fernsehjournalisten, für ihn in der Pressekabine zu dolmetschen, aber alleine traute ich mich nicht. Dann fuhr ein Bus mit Journalisten aus mehreren afrikanischen Ländern vor, die uns gerne zum Parkstadion mitnahmen, dafür konnten sie sich wenigstens einmal mit Einheimischen unterhalten.

Am Stadion angekommen scheiterten jedoch alle Versuche, unsere Freunde ausrufen zu lassen, die FIFA machte so etwas nicht. Beinahe wäre es also so gewesen, wie es in diesem Jahr den meisten Gelsenkirchenern gehen wird – wir hätten draußen bleiben müssen. Aber dann schenkte uns jemand am Eingang eine Karte, eine weitere Stehplatzkarte kauften wir für die 10 DM, die wir hatten, und die dritte im Bunde durfte dank eines mitleidigen Kontrolleurs mit durchhuschen. Also ab in die Nordkurve, das Stadion war natürlich fest in jugoslawischer Hand, schließlich lebten viele in Deutschland. Für die Mannschaft von Zaire waren die 200 mitgereisten Fans (alle aus den führenden Familien des Landes) und wir drei. Das fanden die Jugoslawen um uns herum ziemlich lustig, wir wurden bei jedem Tor mitleidig angesehen und mit allem versorgt, was man sich auf dem Fußballplatz so wünscht: Getränke, Zigaretten, Nahrung, Schulterklopfen, tröstende und witzige Bemerkungen. Je länger das Spiel dauerte, desto lustiger wurde es. In der zweiten Halbzeit war es eine einzige Party, die letzten Tore hat man dann gar nicht mehr so richtig registriert, aber die Anzeige sah aus unserer Sicht niederschmetternd aus: Jugoslawien – Zaire 9:0.

Wir trafen unsere Freunde aus Zaire dann doch noch zum Abendessen, sie trugen die Niederlage mit Fassung und reisten anschließend ein wenig durch Europa.


Weisse Noch?!

(da/pr) Spektaktuläre Spiele von gestern und vorgestern der Schalker Knappen – diesmal geht es zurück in die 60er. Zitat aus dem Irish Independent vor dem Schalker Europapokalspiel bei Shamrock Rovers 1969: „To give them their full title Schalke 04, Gelsenkirchen which is a beautiful winter sports centre situated between Cologne and Dusseldorf – qualified for the tournament as runners-up in the DFB-Cup, in which they were beaten in the final by Bayern.“ Alles Biathlon – oder was?

Wintersport in Gelsenkirchen

Der Autor N. J. Dunne hatte offensichtlich den ersten internationalen Titel der Königsblauen gründlich missverstanden. Wintersportort? Mailand? 1969? Was ist denn jetzt los?

Also, ganz langsam und schön der Reihe nach: Knapp 30 Jahre bevor unsere Eurofighter in Mailand die Sensation vollbrachten, gewannen unsere Jungs am 2. Juli 1968 den Alpenpokal. Die 68er hatten halt was.

Etwas über diesen Wettbewerb in Erfahrung zu bringen ist nicht einfach. Er wurde Anfang der 60er ins Leben gerufen und in einigen Sportarten, nicht nur Fußball, zwischen Italienern, Schweizern und Deutschen ausgetragen. Franzosen und Österreichern sprach man die Alpen ab. Später nahmen aber auch sie teil. Der Titelverteidiger im Fußball war 1968 Eintracht Frankfurt, die sollten auch mit uns in einer Gruppe spielen. Es traten je vier Mannschaften aus den drei Ländern an:

Gruppe 1: Eintracht Frankfurt, Juventus Turin, FC Luzern, Young Boys Bern, US Cagliari, Schalke 04

Gruppe 2: FC Basel, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, AS Rom, AC Florenz, Servette Genf

Die beiden Gruppenersten spielten den Sieger aus. Zum Modus muss noch gesagt werden, dass die Italiener nur auswärts spielten, während Schalke über Land tingelte, gegen Juve aber zu Hause spielte.

Rund um den noch vorhandenen Schalker Markt herrschte Aufbruchstimmung .Man hatte mit Siebert und Brocker den Abstieg vermieden und nun wurde tief in die Schatulle gegriffen (wessen auch immer). Die Einkaufsliste war ellenlang, die Konkurrenz schrie Zeter und Mordio, weil Unsummen im Raum standen. Aber all die neuen Cracks waren noch nicht da, als das erste Spiel gegen Frankfurt in Wiesbaden angepfiffen wurde. Nachdem sich beide Mannschaften am letzten Spieltag der Saison einen grausamen Kick geleistet hatten, sprach man vom Albtraumpokal. Vor 4000 Zuschauern trennte man sich 1:1, für Schalke traf Waldemar Slomiany.

Das nächste Spiel gegen Juve fand in der Glückaufkampfbahn statt. 8000 wollten den italienischen Meister sehen, der die Braunschweiger aus dem Europapokal geworfen hatte. Die Blauen beherrschten die Turiner deutlich und siegten nach Toren von Manni Pohlschmidt, Jürgen Wittkamp und Hannes Becher mit 3:1.

Obwohl noch keine der vielen Neuerwerbungen mitspielte, lief es ausgezeichnet. Nicht nur die eigene Leistung erfreute, Rot­Weiß Essen vergeigte den Aufstieg durch eine Niederlage in Göttingen; man brauchte ein weiteres Jahr nicht dorthin.

Beim dritten Spiel in Siegen war Luzern der Gegner. Langsam wurde man heiß auf den seltsamen Pokal, für den 10.000 Mark ausgelobt waren. Ein frühes Eigentor der Luzerner machte die Sache einfach, Senger, Pohlschmidt und Neuser trafen in der zweiten Hälfte vor 10.000 Zuschauern.

Drei Tage später traf man 40 Kilometer weiter südlich in Marburg auf US Cagliari und 7500 Zuschauer sahen einen S04, der die Sarden voll im Griff hatte und nach 20 Minuten 2:0 führte. Aber die Italiener hatten sich ihre Kräfte besser eingeteilt und glichen in der 85.min zum 2:2 aus. Somit lagen sie mit 7:1 Punkten einen Punkt vor uns.

Auch im letzten Spiel blieben die Knappen ungeschlagen. Im ehrwürdigen Wankdorf-Stadion zu Bern wurden die Hauptstädter mit 3:0 besiegt. Da sich Frankfurt und Cagliari unentschieden getrennt hatten, erreichten wir durch das bessere Torverhältnis das Endspiel. Aber nicht Rom war der Gegner, sondern der FC Basel hatte, ebenfalls mit dem besserem Torverhältnis, vor Rom das Endspiel erreicht.

Mittlerweile waren die Schalker Neuerwerbungen Libuda, van Haaren, Hasil, Lütkebohmert, Michel, Trumpfheller, Galbierz und Kasperski spielberechtigt. Trainer Brocker konnte aus einem 24 Mann starken Kader schöpfen, den viele als problematisch ansahen, nicht nur wegen der Finanzen. Und schon waren wir wieder Deutscher Meister. Eigentlich brauchte nicht mehr gespielt werden. Und wieder einmal wurden wir brutal auf den Boden geholt. Erst zur Rückrunde mit Rudi Gutendorf ging es bergauf. Die Saison endete dann mit der Teilnahme am Pokalfinale gegen die Bayern und der Teilnahme am Cup der Pokalsieger, da die Bayern auch Meister wurden.

Aber zurück zum Endspiel um den Alpenpokal. An einem schwülen Dienstagabend trat folgende Mannschaft für Blauweiß im St.­Jakob­Stadion an: Elting, Becher, Rausch, Höbusch, Slomiany, van Haaren, Pohlschmidt, Senger, Kasperski, Lütkebohmert, Michel. Trainer Günter Brocker war trotz des großen Kaders nur mit 12 Spielern angereist. Auf der Bank saß nur Hermann Erlhoff, der zur Halbzeit für Kasperski eingewechselt wurde. Bernd Michel hatte seinen ganz großen Auftritt. Mit drei feinen Einzelleistungen schoss der Ex-Kasseler alle Tore. Was ihm an Technik fehlte, machte er durch Schnelligkeit wett, 11,0 Sekunden auf 100 Metern war seine Bestzeit. Das Spiel stand nach 90 Minuten 1:1, doch Schalke steigerte sich in der Verlängerung enorm und schlug die vom Ex-Herner Helmut Benthaus trainierten Basler mit 3:1. Schalke gewann damit den Pokal und auch die 10.000 Mark.

Und all dies hatte N. J. Dunne vor dem Europapokalspiel der Schalker in Irland (das liegt zwischen England und Neufundland) so irritiert, dass er Gelsenkirchen zu einem Wintersportzentrum machte.

Na ja, ganz Unrecht hatte er ja nicht. Er war seiner Zeit nur um dreißig Jahre voraus.