Auszüge aus dieser Ausgabe:

Attacke – Premiere
„Georgien ist mein Land und meine Liebe“ – Interview mit Levan Kobiashvili
Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04 – Ralf Rangnick
„Diese Bilder werde ich nie vergessen“
„Ich warte nur darauf, dass demnächst auch die Finger des Torschützen, die zum Himmel zeigen, mit Gelb bestraft werden.“
Schalker Eintrittspreise im Ligadurchschnitt?



Attacke – Mehr Rechtsstaat wagen

15 bundesweite Stadionverbote mit einer Dauer von zwei Jahren haben die Fehlfarbenen nach Ende der letzten Saison gegen Mitglieder der Ultras Gelsenkirchen ausgesprochen. Auslöser sind die bis heute noch nicht abschließend geklärten Vorfälle beim letzten Derby im Westfalenstadion im Februar. Dort sollen die betroffenen 15 Personen versucht haben, einen Stadioneingang zu stürmen, es folgte eine Anzeige wegen Haus- und Landfriedensbruch.

Ein Verein kann ein Stadionverbot für alle 18 Erstligastadien verhängen? Nein, er kann es für alle 54 Stadien der ersten drei Ligen sowie für alle Pokal- und Länderspiele! Und rechtlich zulässig ist das Ganze auch, weil es in der Lizenzierungsordnung des DFB festgeschrieben ist, der Grundlage, um überhaupt am Spielbetrieb teilnehmen zu dürfen. Rechtlich ist die Konstruktion zur Verhängung von Stadionverboten mindestens grenzwertig. Stadionverbote sind zivilrechtlicher Natur und beruhen auf dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§§ 903 und 1004), woraus sich ein Unterlassungsanspruch des Eigentümers ableitet. Insofern sieht der DFB Stadionverbote nicht als Strafe, sondern als präventive Maßnahme.

Unabhängig davon, ob Bundesligaspiele oder eine Fußball-WM wirklich Privatveranstaltungen sind, spricht auch die Tatsache, dass Vereine fertige Vordrucke für Stadionverbote in der Schublade liegen haben und häufig erst auf Initiative von „szenekundigen Beamten“ aktiv werden, nicht unbedingt für das Privatrecht. Auch nicht die Kontrolle der Einhaltung der Stadionverbote durch die Polizei.

Wenn Strafrecht angewandt würde, wären Stadionverbote nur nach Feststellung der Schuld möglich. Zunächst einmal würde die Unschuldsvermutung gelten, die unter anderem im Artikel 11 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen („Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“) und im Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention („Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.“) geregelt ist.

Wenn der Verdacht allein ausreicht, um eine Strafe (und nichts anderes sind Stadionverbote) zu verhängen, ist irgendwas in Sachen Logik durcheinander geraten.


„Georgien ist mein Land und meine Liebe“

(axt) Georgien hat immer eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt: Levan Kobiashvili hat 73 Länderspiele für das Land im Kaukasus bestritten, das jetzt auf einmal Schlagzeilen macht – nur nicht in fußballerischer Hinsicht. Kobiashvili wurde zweimal Georgiens „Spieler des Jahres“. SCHALKE UNSER fragte den altgedienten Schalker kurz vor dem Saisonstart nach seiner Heimat, seinen Freunden und Verwandten dort, aber auch nach seinen Plänen für die Zukunft.

SCHALKE UNSER:
Hast du noch Kontakt in deine Heimat Georgien?

LEVAN KOBIASHVILI:
Meine Eltern, mein Bruder und meine Freunde leben dort und wir telefonieren fast jeden Tag.

SCHALKE UNSER:
Warst du in letzter Zeit in Sorge um sie?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ja klar. Die letzten Tage waren für mich sehr schwer, weil meine Frau und meine Kinder dort gewesen sind. Sie sind jetzt in Deutschland gelandet. Ich hatte in der letzten Zeit kaum geschlafen. Das war schlimm. Ich habe die Bilder von dort gesehen.

SCHALKE UNSER:
Bist du häufiger in Georgien?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ich bin in der Winterpause dort – und natürlich mit der georgischen Nationalmannschaft.

SCHALKE UNSER:
Hierzulande hört man wenig über den georgischen Fußball Wie sieht es denn damit aus?

LEVAN KOBIASHVILI:
Nicht besonders gut. Die georgische Liga ist schwach. Letztes Jahr spielten dort 16 Mannschaften. Dieses Jahr sollten es zwölf sein, aber eine Mannschaft ist pleite, so dass nur elf geblieben sind. Das zeigt, dass kein Geld da ist, das man in die Mannschaften investieren und mit dem man Spieler aus dem Ausland holen könnte. Bei der Nationalmannschaft ist es ein bisschen anders. Das ganze Land glaubt immer noch, dass wir etwas erreichen. Wir hatten gute Trainer wie Klaus Toppmöller oder den ehemaligen französischen Nationalspieler Alain Giresse. Jetzt ist Héctor Cúper aus Argentinien neuer Trainer bei uns. Das zeigt, dass sich der Fußball weiterentwickelt. Ich hoffe, dass wir in den nächsten paar Jahren einen Schritt nach vorne machen.

SCHALKE UNSER:
Du hast auch den zweiten Levan auf Schalke, Levan Kenia, „entdeckt“?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ich kenne seinen Vater und seinen Onkel sehr gut. Ich habe ein paar Spiele von ihm in Georgien gesehen als er noch jünger war und kenne auch Leute in Tiflis, die ihn beobachtet und mir berichtet haben, was er so macht. Viele Vereine wollten ihn, und ich habe Schalke gesagt: Warum spielt er nicht bei uns? Ich bin überzeugt, dass er ein ganz Großer wird. Ob das passt oder nicht passt, das weiß jetzt noch keiner, das wird die Zukunft zeigen. Ich glaube aber, das war der richtige Schritt. Für ihn ist es natürlich viel einfacher, mit mir hier zu sein, nicht nur wegen der Sprache. Das kenne ich aus eigener Erfahrung aus Freiburg: Wenn du in ein Land kommst, dessen Sprache du nicht sprichst und das du nicht kennst, ist es viel einfacher, wenn jemand da ist, den du kennst.

SCHALKE UNSER:
Freiburg hat dir und zwei anderen Georgiern – Iaschwili und Zkitischwili – eine Heimstatt geboten. Was war dort das Besondere?

LEVAN KOBIASHVILI:
Das ist für jeden von uns einfacher gewesen. Dort waren die Georgier mit ihren Familien und Kindern, das ist einfach menschlich angenehm und eine schöne Zeit gewesen – auch zum Spielen: Es ist einfacher, wenn du mit zwanzig Jahren nach Deutschland kommst – ob nun nach Schalke oder nach Freiburg. Auf Schalke herrscht ein größerer Druck als in Freiburg, was für einen jungen Spieler nicht einfach ist.

SCHALKE UNSER:
Betrachtest du dich als eine Art „großer Bruder“ für den jüngeren Levan?

LEVAN KOBIASHVILI:
Die einen sagen, „großer Bruder“, die anderen „Vater“. So richtig trifft es das nicht. „Freund“ ist auch ein bisschen schwierig, weil ich 31 bin und er 17.

Wichtig ist doch: Ich werde ihm bei seinen Schritten helfen, denn ich habe das alles schon hinter mir und weiß genau, wie das läuft.

SCHALKE UNSER:
Was würdest du denn als „alter Hase“ dem jungen Levan mit auf den Weg geben?

LEVAN KOBIASHVILI:
Er soll einfach Spaß haben an dem Job, den er hier macht. Er soll darauf hören, was die Leute ihm hier sagen. Als junger Spieler denkt man oft, „alles ist so locker“, aber es ist nicht so. Er muss einfach seinen Job mit Spaß machen, alles andere kommt von alleine.

SCHALKE UNSER:
Versteht ihr euch denn auch auf dem Platz gut?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ja. Wir haben in der georgischen Nationalmannschaft einige Spiele zusammen gemacht und von daher ist das für uns kein Problem, zusammen zu spielen. Er ist technisch sehr stark, und ich glaube, dass er ein sehr guter Fußballer ist.

SCHALKE UNSER:
Teilt er denn mit dir ein Zimmer?

LEVAN KOBIASHVILI:
Im Trainingslager sind wir zusammen auf einem Zimmer gewesen.

SCHALKE UNSER:
Andere haben sich ja beschwert, dass du es immer die Heizung bis auf 30 Grad drehst. Kaum einer will noch mit dir auf’s Zimmer, heißt es.
LEVAN KOBIASHVILI:
Bisher hat Levan nicht gemeckert, dass es zu warm ist. Aber abwarten – vielleicht kommt das noch.

SCHALKE UNSER:
Was sind denn die Ereignisse, an die du dich auf Schalke am meisten erinnerst?

LEVAN KOBIASHVILI:
Da gibt es viele. Dass ich überhaupt hierhin gekommen bin, war für mich als Spieler eine tolle Sache. Ich kann mich eigentlich an jeden Tag hier auf Schalke gut erinnern, es macht mir Spaß, hier zu sein. Jedes Spiel, jedes Heimspiel, so ein tolles Stadion zu haben – ich bin sehr zufrieden hier.

SCHALKE UNSER:
Du hast auch im November 2006 das Tor in der 19. Minute geschossen, just dann, als die Schweigeaktion der Fans endete.

LEVAN KOBIASHVILI:
Daran erinnere ich mich natürlich gerne, auch an das Champions-League-Spiel, in dem ich drei Tore erzielt habe. Da gibt es einige gute Momente, an die ich mich gerne erinnere. Aber, wie gesagt, ich bin sehr zufrieden, hier zu sein und freue mich über jedes Training und an jedem Tag, dass ich hier bin.

SCHALKE UNSER:
Du hast einmal gesagt, „Georgien ist mein Land, Tiflis meine Stadt“. Willst du nach deiner Karriere wieder dahin zurückkehren?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ja, ich möchte dahin zurückkehren, das ist meine Liebe. Das ist mein Land und meine Eltern, meine Brüder und meine Freunde sind dort. Andererseits ist es auch für meinen Sohn nicht einfach, wenn ich ihn nach Georgien mitnehme, weil er hier seine Freunde hat. Einfach sagen, „wir gehen jetzt nach Georgien“, ist für ihn auch nicht ohne. Ich mache mir darüber viele Gedanken, zum Glück habe ich noch Zeit bis dahin.

SCHALKE UNSER:
Zu deinen Freiburger Zeiten hast du noch Geschichte studiert.

LEVAN KOBIASHVILI:
Ich habe das in Georgien studiert, und auch während ich noch in Freiburg war, aber ich konnte das nicht zu Ende bringen, weil ich zum Schluss kaum noch Zeit hatte.

SCHALKE UNSER:
Und was willst du nach deiner Karriere als aktiver Fußballer machen?

LEVAN KOBIASHVILI:
Ich kann mir vieles vorstellen, aber eines ist klar: Ich möchte kein Trainer werden.

SCHALKE UNSER:
Vielen Dank für das Gespräch. Glückauf.


Die schönsten Trainerrausschmisse des FC Schalke 04

(rk) Sein Auftritt im ZDF-Sportstudio vor knapp zehn Jahren, bei dem er die Taktiken eines Spiels an einer Tafel erklärte, brachte ihm den Beinamen „Fußballprofessor“ ein. Die Morgenpost nannte ihn gar „Professor ohne Labor“, bei der TSG Hoffenheim nennen sie ihn den „Missionar an der Magnettafel“. Und Rudi Assauer nannte ihn einfach „Rolf“.Mit fast missionarischen Eifer schob er die Magnete der Viererkette im ZDF hin und her ­ und das als Trainer des damals noch Zweitligisten SSV Ulm.

Nicht bei jedem kam das gut an. Insbesondere die Kollegen der eigenen Zunft betrachteten ihn argwöhnisch. So sagte einst Max Merkel: „Wenn du fragst: Wo beginnt die Steigphase des Balles im Strafraum, wenn er mit einer Geschwindigkeit von 55 km/h von rechts aus 35 Metern geflankt wird – Rangnick nestelt kurz an seiner Nickelbrille, tippt ein paar Zahlen in seinen Taschenrechner und schon wissen es alle Spieler.“

Dabei kam ihm sicherlich auch nicht zugute, dass er es selbst nur bis zum Oberliga-Kicker geschafft hat, seine Spielerstationen im einzelnen: VfB Stuttgart Amateure, FC Southwick, VfR Heilbronn, SSV Ulm, Victoria Backnang und TSV Lippoldsweiler.

Als Trainer jedoch gelang ihm eine „Bilderbuchkarriere“. Als Jahrgangsbester schloss er seine Trainerlizenz an der Sporthochschule Köln mit der Note 1,2 ab. Beim VfB Stuttgart begann er als A-Jugend­Trainer, 1995 übernahm er mit dem Süd-Regionalligisten SSV Reutlingen 05 seinen ersten höherklassigen Verein, mit dem er denkbar knapp den Aufstieg in die 2. Liga verpasste. Ralf Rangnick ging zum SSV Ulm, mit dem er von der Regionalliga in einem Durchmarsch sensationell bis zur 1. Bundesliga durchstartete.

Eher ein großes Missverständnis war anschließend sein Engagement beim VfB Stuttgart: Mit Krassimir Balakov hatte er einen „Altstar“ mehr auf der Auswechselbank sitzen als auf dem Spielfeld stehen. Nach der 1:2-Niederlage im Achtelfinale des UEFA-Pokals bei Celta de Vigo erklärte er seinen Rücktritt und ging kurz darauf zum Zweitligisten Hannover 96, den er gleich in seiner ersten Saison mit dem ligainternen Rekord von 93 Toren zur Meisterschaft und in die Bundesliga führte. Im März 2004 wurde er aber auch hier nach einer Negativserie entlassen.

Nachfolger von Don Jupp

Nach nur vier Spielen in der Saison 2004/2005 hatte der FC Schalke 04 bereits drei Niederlagen auf dem Konto – ein völlig missglückter Saisonstart. Manager Assauer bestellte daraufhin zunächst die Spieler und später den Trainer Jupp Heynckes zum Rapport. Letzterem legte er eine Liste vor mit Punkten, mit denen die Mannschaft unzufrieden ist. Doch Heynckes, ein Trainer der alten Schule, zeigte sich in keinem der Punkte kooperativ. Somit stand fest: Der Trainer muss gehen.

Als 50. Trainer der 100-jährigen Clubgeschichte sollte nun Ralf Rangnick die Talfahrt des FC Schalke 04 stoppen und die Mannschaft im Jubiläumsjahr zurück in die Spitze führen. Er war laut Teammanager Andreas Müller der einzige Kandidat. Manager Rudi Assauer lobte den einstigen „Shooting-Star“ unter den Trainern, der ihn im abschließenden Gespräch restlos überzeugte. „Da hat er mit dem Skalpell die Stärken und Schwächen jedes Spielers seziert. Das war eine hundertprozentige Übereinstimmung. Wir gehen davon aus, dass er das Riesenpotenzial der Mannschaft ausschöpfen kann.“ Trotz aller Lobhudelei rutschte Rudi Assauer doch tatsächlich der falsche Vorname über die Lippen: Er präsentierte „Rolf“ statt „Ralf“ Rangnick der geladenen Presse.

Ab wie ’ne Rakete

Doch das sollte auf die sportliche Zukunft keinen negativen Einfluss haben. Ganz im Gegenteil, von nun an ging es steil bergauf in Gelsenkirchen. Viel Zeit, aus einer Ansammlung von erstklassigen Individualisten und teuren Stars wie Ebbe Sand, Ailton, Marcelo Bordon, Mladen Krstajic oder Lincoln eine funktionierende Einheit zu formen, blieb ihm nicht, denn schon stand das UEFA-Cup-Rückspiel bei FHK Liepajas Metalurgs in Lettland an.

Die finanziell eminent wichtige Gruppenphase des Wettbewerbs zu erreichen, war allerdings angesichts des 5:1-Polsters aus dem Hinspiel kein großes Problem. Der 4:0-Sieg im Rückspiel war denn auch nie gefährdet. Unter Ralf Rangnick gewannen die Königsblauen in der Liga sechs Spiele in Folge und wurden vom Krisenclub und Kellerkind zu einem ernsthaften Titelkandidaten. Selbst Bayern München und der VfB Stuttgart zogen in dieser Phase gegen die Königsblauen den Kürzeren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte Rudi Assauer den Namen seines Trainers verinnerlicht haben.

Auch in der Rückrunde der Meisterschaft erwiesen sich die Schalker als schärfster Konkurrent des FC Bayern. Während auf Platz drei ein munteres Wechselspiel zwischen Werder Bremen und dem VfBStuttgart herrschte, hielten die Knappen stets den zweiten Platz in der Tabelle. Bis zum 25. Spieltag, als man durch einen Sieg über den bisherigen Spitzenreiter aus München die Pole-Position erobern konnte.

Doch mit dem „Platz an der Sonne“ fand man sich nicht zurecht, bereits am darauffolgenden Spieltag fiel man auf den „schattigen“ zweiten Platz zurück. Durch ein 3:2 gegen den SC Freiburg war den Königsblauen am Ende die zweite Champions League-Teilnahme der Clubgeschichte nicht mehr zu nehmen.

Die Ehrenrunde

Die Vorrunde 2005/06 verlief unbefriedigend, obwohl Schalke in der Liga solide Ergebnisse erzielte. Im Pokal unterlag man 0:6 in Frankfurt und schied auch in der Champions League früh aus. Kurz vor der Winterpause beschloss der Vorstand, sich mit sofortiger Wirkung von Rangnick zu trennen, nachdem dieser schon angekündigt hatte, seinen 2006 auslaufenden Vertrag bei Schalke 04 nicht zu verlängern. Viele nehmen das – insbesondere Rudi Assauer – noch heute übel. Schließlich hatte Rangnick im Schnitt mehr Spiele gewonnen als alle anderen Schalker Trainer vor ihm. Aber es waren wohl andere Probleme, die ihm den Kopf kosteten: Er galt gemeinhin als „zu modern“ und ein Erneuerer hat immer auch etwas Oberlehrerhaftes, wirkt schnell arrogant und besserwisserisch.

In seiner Zeit beim VfB Stuttgart erzählte man sich, dass der Trainer den Spielern gern vorschreiben wollte, welche Autos sie zu fahren hatten (möglichst keine riesigen Modelle), und dass er sogar einen wöchentlich wechselnden Putzdienst in der Kabine einführen wollte. Ganz ähnlich war es wohl auch auf Schalke: Auf der Geschäftsstelle soll er den Sekretärinnen erklärt haben, wie sie Flüge im Internet zu buchen haben. Ein bisschen davon scheint wirklich zu stimmen, ein bisschen ist aber lediglich der Fantasie der Rangnick-Gegner entsprungen.

Rangnick mischte vieles auf – und das gefiel ganz besonders Rudi Assauer überhaupt nicht. Und so kritisierte der Manager den Trainer und die Mannschaft viel zu überzogen nach der 0:1-Niederlage beim PSV Eindhoven. „Ich bin diese politischen Possenspiele leid“, sagte Rangnick, und zog es vielmehr vor, noch vor dem Spiel gegen des FSV Mainz 05 eine Ehrenrunde zu drehen. Es sollte ein „Danke schön“ für die Unterstützung sein, im Endeffekt aber war es ein Affront gegen die Clubführung. Wäre es nur ein Dank gewesen, hätte er natürlich bis nach dem Spiel warten können.
Das sah auch Assauer so: „Wenn ich eine Ehrenrunde drehe, dann verabschiede ich mich vom Publikum. Wenn ich mich verabschiede, dann heißt es: Jetzt ist Schluss.“ Kapitän Frank Rost soll die Ehrenrunde mit den Worten „So ein Zirkus hier“, kommentiert haben.

Auf der kurz darauf anberaumten Pressekonferenz erklärte Rangnick: „Ich kann verstehen, dass einige Spieler und der Vorstand das als Provokation aufgefasst haben“, erklärte Rangnick. „Aber für mich war das eine absolute emotionale Ausnahmesituation.“ Er habe sich zu dieser spontanen Reaktion durch die unerwartete Sympathiewelle der Fans „hinreißen lassen“. Nun gut, sei es wie es will.

Rangnicks Nachfolger wurde – auch zur Überraschung Assauers – der bisherige Gehilfe von Rangnick: Mirko Slomka. Der hatte bekanntlich eigentlich mit seiner Entlassung statt einer Beförderung gerechnet. Fortan wollte auch Rangnick mit seinem langjährigen Weggefährten Slomka nicht mehr sprechen, er fühlte sich hintergangen.

Die SAP-Millionen

Im Juni 2006 verpflichtete Mäzen Dietmar Hopp, SAP-Gründer und Multi-Millardär, Ralf Rangnick, um gemeinsam mit ihm seinen Kindheitstraum zu erfüllen: Die TSG 1899 Hoffenheim in die erste Liga zu führen. Zusammen mit dem ehemaligen Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Direktor für Sport- und Jugendförderung hat Rangnick das Projekt akribisch geplant.

Und das schier Undenkbare ist nun eingetroffen: Rangnick hat aus einer zusammengekauften Truppe eines 3274-Seelen-Dorfes aus dem Kraichau eine Mannschaft geformt, die er wie einst den SSV Ulm von der dritten in die erste Liga katapultierte. 20 Millionen wurden bereits zu Zweitligazeiten in die Mannschaft investiert, aber Geld hin oder Geld her: Das muss man trotzdem erst einmal schaffen.

Software-­Milliardär und Übervater Dietmar Hopp wird es ihm sicher nicht nur mit Worten danken.


„Diese Bilder werde ich nie vergessen“

(ru) Mein Kumpel stockte mitten im Satz. Als ich mich aufmachte, wollte er mich mit den Worten „Viel Spaß“ verabschieden. Doch wie auch mir kam ihm der Gedanke, dass die Tour, die vor mir lag, nicht spaßig werden könnte – allein aufgrund ihres Anliegens. Es ging nach Auschwitz, zusammen mit 19 anderen Fans aus ganz NRW, die dem Aufruf des Projekts „dem Ball is’ egal, wer ihn tritt“ gefolgt waren. Wir wollten vor dem Hintergrund des in deutschen Stadien vermehrt zu hörenden U-Bahn-Liedes den Ort des größten menschlichen Verbrechens besichtigen.

Jeder Fußball-Fan kennt das Lied, in dem gegnerische Fans durch den Bau einer U-Bahn nach Auschwitz geschickt werden. Es grassiert wie eine Plage, die seit vielen Jahren ständig wiederkommt im Umfeld nahezu aller Fußballstadien. Vor allem jüngere Fans singen voller Unwissenheit mit und überschreiten so die Grenze dessen, was im Rahmen dieses von Emotionen und Rivalitäten geprägten Sports tolerierbar ist. Die Schalker Fan-Initiative hat bereits im vergangenen Jahr mit der Aktion „Unsere U-Bahn fährt zum Stadion – gegen Nazi-Gesänge“ reagiert und mit Plakaten, die Jermaine Jones, Heiko Westermann und Fans zeigen, an den S-Bahn-Haltestellen in Gelsenkirchen ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Gesangs gesetzt.

Das vereinsübergreifende Projekt „dem Ball is’ egal, wer ihn tritt“ hatte nun mit der Unterstützung von drei Stiftungen die Begegnung von 20 Fan-Vertretern der Vereine Alemannia Aachen, 1. FC Köln, MSV Duisburg und Schalke 04 miteinander und mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte initiiert. Die Fahrt fand vom 6. bis 9. Mai 2008 statt und wird wohl für alle Beteiligten in jeglicher Hinsicht ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Timo und ich fuhren mit, dreimal waren wir in dieser Saison schon mit dem FC Schalke durch Europa gereist – nach London, Porto und Barcelona. Aber auch uns war klar, dass die vor uns liegenden Tage eine andere Dimension haben würden. Zum einen kann sich wohl niemand auf die Eindrücke vorbereiten noch in irgendeiner Weise seine Reaktion darauf vorausahnen. Zweitens würde das Zusammentreffen von vier verschiedenen Fan-Gruppierungen über einen Zeitraum von vier Tagen und vor dem Hintergrund eines so brisanten Themas eine komplett neue Erfahrung mit sich bringen. Für zusätzliches Unbehagen sorgte die Tatsache, dass uns ein Fernsehteam des WDR begleiten würde.

Wenn ich mir diese Gedanken vor Reiseantritt vor Augen führe und meine nicht unbegründete Skepsis, ist es umso erstaunlicher, wie sich die Dinge entwickelten. Am Abschlussabend verabschiedete sich unsere 22-köpfige Gruppe in einem fast schon familiären Verhältnis, viele äußerten ihre Vorfreude auf ein Nachtreffen. Es war eine verschworene Gemeinschaft, die sich über die Tage gebildet hatte und dadurch die Kraft besaß, sich mit dieser emotionalen Thematik mit der nötigen Offenheit gemeinsam auseinanderzusetzen. Der Spagat zwischen lockerem Miteinander und der Ernsthaftigkeit des Anliegens wurde geschafft – und das konnte man in dieser Form, wie wir es erlebt haben, nun wirklich vorher nicht erwarten.

An dieser Stelle muss man ein Kompliment an die Organisatoren Bodo, Jeanette und Marcin aussprechen, die durch ihre Herangehensweise, Organisation und Hilfestellung dies ermöglichten. Ein weiterer Dank gebührt allen Teilnehmern. Alle waren offen, interessiert und ohne Berührungsängste zu anderen. Keiner kapselte sich ab, die Erfahrungen machte man zusammen. Kölner, Aachener, Duisburger und Schalker diskutierten, frotzelten, sangen zusammen. Es war ein Idealzustand vom Miteinander der Fußballbegeisterten, das einmal mehr zeigte: Fußball verbindet. Die Fahrt hat gezeigt, dass allein auf dieser Basis der Weg gegen die Geschichtsvergessenheit und den Rechtsradikalismus im Fußball beschritten werden kann.

Krakau

Am Dienstagabend landeten wir in Krakau, nahmen eine Mahlzeit ein und machten uns dann auf die Suche nach einem Lokal, in dem vielleicht Bundesliga gezeigt wurde. Denn zeitgleich spielte der S04 in Bochum, ein bis auf vergangene Saison lieb gewonnenes Auswärtsspiel fand ohne uns statt. Eine Allesfahrerin aus Köln ließ den Auftritt ihres FC sausen. Es war das einzige Spiel, bei dem sie ihr Team in dieser Saison nicht im Stadion unterstützte. Allein das zeigt schon den Stellenwert der Fahrt.

Die Polen waren sehr gastfreundlich: Als wir einmal nach einer Sportskneipe fragten, stieg die Kellnerin in einer Eckkneipe auf einen Stuhl und schrie durch den ganzen Laden, ob jemand uns weiterhelfen könnte. Krakau erlebte ein Studentenfest, wie es jedes Jahr im Mai stattfindet. 50.000 Studenten feiern ihren Semesterabschluss in wilden Kostümen und mit munteren Gesängen von morgens bis abends. Superman-, Domina-, Engelverkleidungen und dazwischen wir.

In einem Stadtrundgang am Mittwoch lernten wir die schönsten Bauten, die wichtigsten Plätze, das herrliche traditionelle Essen und nicht zu vergessen die tollwütigen Hunde von Krakau kennen. Ein besonderer Schnaps, der bei der gemeinsamen Gastronomie-Erkundung am Donnerstagabend den ein oder anderen so heftig mitnahm, dass er sogar die falsche Vereinshymne mit anstimmte. Alle Fans zusammen unterwegs, die „La Ola“ schwappte durchs Lokal.

Und kulturell lernten die Duisburger, Kölner und Aachener auch von anderer Seite etwas. „Mäusken, wilsse mit mich Eis essen gehen“ jodelten wir so oft, dass sie spätestens am Freitag alle mitsingen konnten. Die Kultur-Metropole Krakau begeisterte uns alle und es gab nicht wenige, die sich vornahmen, noch einmal in ihrem Leben mit der herrlich schönen Stadt, den offenherzigen Menschen und den tollwütigen Hunden Bekanntschaft zu machen.

Cracovia

Am Mittwochabend besuchten wir das Heimspiel von Cracovia Krakau gegen Odra Wodzislaw, das die Hausherren mit 3:0 gewannen. Wir staunten nicht schlecht: Ein Gästeblock 40 Meter vom Spielfeld durch Zäune, Stahlhelmpolizisten und eine Wiese getrennt und erst zehn Minuten nach Spielbeginn mit Auswärtsfans gefüllt. Dazu 3000 Cracovia-Anhänger, die mächtig lautstark das mitunter quälende Spiel ihres Teams unterstützten.

Wir deckten uns mit Fanartikeln ein, ich kaufte mir ein Shirt, Timo einen Schal. Der größte Fehler des Abends, wie sich herausstellen sollte. Denn als wir das Stadion verließen und uns auf den Weg zum Hotel machten, um unsere Souvenirs abzulegen, trafen wir auf eine Gruppe Hooligans. Timo und ich hatten uns in einem Park etwas von den anderen entfernt und waren in ein Gespräch vertieft, als sich ein glatzköpfiger Schrank vor uns aufbäumte und Timo einen gezielten Schlag auf die Nase verpasste. Weiterem Unheil konnten wir entgehen. Nach erstem weniger fachmännischem Kommentar meinerseits („Komm wir gehen ins Hotel, ich hab Pflaster dabei“) konnten wir es der Hilfe einer unserer Mitfahrerinnen, eine Krankenschwester, hilfsbereiter polnischer Studentinnen und Dolmetscher Marcin verdanken, dass Timo noch an diesem Abend geröntgt werden konnte und man feststellte, dass die Nase angebrochen war. Das waren also wahrhaft keine Anfänger im Park.

Man hatte uns gewarnt, dass das Tragen eines Schals gefährlich war in Polen, dass gerade die Feindschaft zwischen Cracovia und Wisla als „heiliger Krieg“ bezeichnet wurde und die Sitten in Polen rauer als in Deutschland waren. Jetzt hatten wir es hautnah erlebt, gerade mal sieben Minuten Fußweg vom Stadion entfernt. In der Notaufnahme trafen wir auf weitere Opfer. Jene Geschichte und Timos Souvenir waren auch Anlass für viele unserer Fragen, die wir in einem Treffen mit den Fan-Vertretern von Cracovia im Vorfeld der offiziellen Pressekonferenz des Vereins am Freitagmorgen stellten.

Die Fanarbeit steckt dort noch in den Kinderschuhen, auch wenn viele Annäherungsversuche gestartet wurden zwischen Wisla- und Cracovia-Fans, so ist der Graben noch zu tief. Gewalt beherrscht die polnische Liga, nicht zuletzt durch den Auswärtsblock im Stadion dokumentiert. Die polnischen Vertreter interessierten sich für die Arbeit der Fanprojekte in Deutschland. Der Blick über die Grenzen zeigte uns, wie wichtig gerade diese Arbeit ist, um zu sichern, dass auch Eltern mit ihren Kindern zum Fußball gehen können.

Auschwitz

Am Donnerstagmorgen fuhren wir mit dem Bus zum ehemaligen Konzentrationslager. Der WDR erhielt Drehgenehmigung, weswegen uns sogar eine Führung durch die einzelnen Blöcke angeboten wurde. Im Laufe dieses Tages, den wir im Stammlager 1 und in Birkenau verbrachten, wird wohl jedem einzelnen von uns an verschiedenen Stellen sich der Magen umgedreht haben. Unsere Mienen versteinerten sich und die erdrückende Flut an Bildern und Aufzeichnungen schmerzte fast körperlich. Man hat viel gelesen, jeder kennt die Filme – doch erst in dieser Situation geht das Ganze einem wohl so unter die Haut, dass man es nicht mehr in seinem Leben irgendwann in eine hintere Ecke der Erinnerungen verbannen kann.

So wird mir bei der Beschäftigung mit diesem Thema wohl immer eine Szene im Gedächtnis bleiben. Ich dachte noch gerade über einen in der unteren Etage ausgestellten Strafbefehl nach, der einen Juden zum Arrest verurteilte, weil dieser mit Gemüseabfällen und Knochen in der Hand gefasst wurde, da betraten wir mit unserer Gruppe den ersten Stock. Hinter einer Glaswand war dort ein Meer an Haaren zu sehen, die die Nazis ihren Opfern zur „Weiterverarbeitung“ abgenommen hatten.

Allein der Anblick versetzte mir eine Gänsehaut, ließ mich zwei Schritte zurücktaumeln und mir die Hände vors Gesicht schlagen. Koffer, Zähne, Becher – in jedem Raum eine neue Schandtat vor Augen geführt. Wir sahen alles – die Baracken, die Krematorien, die Zellen. Und irgendwie war es immer wieder so, als würde uns ein Schlag direkt ins Gesicht treffen, härter als der, den der Hool einen Tag zuvor abgegeben hatte. Bei der Nachbesprechung am Nachmittag sagte ein Fan von Alemannia Aachen: „Es wird Tage oder Monate dauern, bis wir das, was wir heute gesehen haben, verarbeiten können.“

An der Gedenkmauer legten wir einen Blumenkranz nieder, versehen mit der Aufschrift aller teilnehmenden Vereine. Als die Traube der Touristen einmal an mir vorbeigezogen war, stand ich in dem Gefängnis allein und die Stille und die Gewissheit um die abscheulichen Verbrechen dieses Ortes, gut sechzig Jahre zuvor, versetzte mir einen zusätzlichen Schauer. Im Treppenaufgang erkannte ich verbogene Gitterstäbe am Fenster, die die Verzweiflung noch näher brachten. Selbst hinter dem Gebäude war keine Rettung, sondern ein Wachposten und ein elektrischer Stacheldrahtzaun.

Das Schicksal wollte es so, dass wir, wie wir zufällig erfuhren, in unserem Hotel in Krakau im ehemaligen Hauptquartier der SS untergebracht waren. Lediglich im unteren Teil einen Hauseingang weiter waren die ehemaligen Zellen zu besichtigen, ansonsten war alles normal hergerichtet. Ein ungewohnter Umgang mit der Geschichte. Wir besichtigten die Zellen am Freitag vor unserer Abreise und wurden in die gleiche Schockstarre wie einen Tag zuvor versetzt.
Als die polnischen Studentinnen am Mittwoch den blutenden Timo und mich zum Hospital brachten, wiederholte eine von ihnen ständig: „I am so ashamed“. Aber irgendwie waren eher wir es, die im Verlauf der nächsten Tage Scham empfanden.

In Deutschland

Der WDR strahlte seine Reportage über uns am folgenden Mittwoch aus, WDR2 und EinsLive berichteten, die Fanprojekte Köln und Aachen trugen die Botschaft in ihre Fanlager, die WAZ Gelsenkirchen und der Reviersport schrieben über uns, das MSV-Radio und wir im SCHALKE UNSER schließen uns an.

Über diese Organe soll das Projekt gewürdigt und Zeichen gesetzt werden.

Damit auch jeder versteht, dass wir zusammen lauter sind, als jeder braune Gesang:

Eine Brücke bauen wir,
zwischen Fans aus aller Welt
eine Brücke gegen Nazis
im Fußball-Umfeld.


„Ich warte nur darauf, dass demnächst auch die Finger des Torschützen, die zum Himmel zeigen, mit Gelb bestraft werden.“

(svs) Egal ob Olympia, EM oder WM – die Missionare gehören heutzutage zum Bild. Im deutschen Fußball tut sich besonders David Kadel hervor. Er ist Autor des Buches „Mit Gott auf Schalke“ und hat nun auch eine „Schalke­Bibel“ herausgebracht. SCHALKE UNSER wollte genauer wissen, mit wem wir es hier zu tun haben, und bat David Kadel zum Interview.

SCHALKE UNSER:
Herr Kadel, Sie sind Autor des Buches „Mit Gott auf Schalke“, betreiben Internetsites wie www.fussball-gott.com, schreiben „Fußball-Bibeln“ und haben prominente Unterstützer wie Zé Roberto, Cacau, Lucio, Marcelo Bordon, Dr. Markus Merk oder Jürgen Klopp für ihre christliche Sache gewonnen. Was sind Ihre Visionen, die Sie mit einer christlichen Bewegung speziell auf Schalke verbinden?

DAVID KADEL:
Als Hardcore­Fußballfan, der vor einigen Jahren entdeckt hat, dass der Glaube an Gott noch erlösender sein kann als der EM-Sieg meiner Lieblingsmannschaft, der Dänen 1992, wünsche ich mir, dass auf Schalke, gerade durch die ehrlichen Glaubens-Bekenntnisse von Bordon, Andy Müller und Kuranyi, sich auch einige Schalke­Fans „auf den Weg zu Gott machen“, der ja laut Vorsänger Xavier bekanntlich kein leichter ist – aber ein guter, der beste, den ich kenne!

SCHALKE UNSER:
In einer Mannschaft – natürlich auch auf Schalke – kommen immer unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen zusammen. Können Sie ausschließen, dass das sehr direkt nach außen vorgelebte Beispiel einer christlichen Religiosität nicht zu Spannungen führen kann, unter denen auch das Schalker Spiel leiden kann – Stichwort „Grüppchenbildung“?

DAVID KADEL:
So nach dem Motto: „Dir spiel ich nicht ab, weil du Moslem bist?“ Nein, ganz im Ernst, so wie ich Asamoah, Bordon, Kuranyi und auch Jones kenne, sind die allesamt dermaßen heiß aufs Gewinnen, dass man im Spiel etwaige Grüppchen völlig außen vor lässt – ich kenne kaum andere Spieler, die so ehrgeizig sind. Gerade Marcelo Bordon und Gerald Asamoah haben doch oft zwei Gesichter, auf dem Platz Hyde mit Schaum vor dem Mund und außerhalb Jekyll, was für lammfromm steht. Da ist kein Platz für Religionsunterschiede.

SCHALKE UNSER:
Marcelo Bordon hat ja in „Mit Gott auf Schalke“ erklärt, dass er das Kapitänsamt auf Schalke nur unter der Bedingung übernommen hätte, dass die Schalker Fans dann auch endlich Gott kennenlernen müssten. Wäre das Kapitänsamt an Halil Altintop herangetragen worden und er hätte es mit einem ähnlichen missionarischen Anspruch für seinen muslimischen Glauben verbunden: Hätte das Altintop in seiner Rolle als Kapitän bei christlichen Spielern wie Rafinha, Asamoah oder Bordon gestärkt oder geschwächt?

DAVID KADEL:
Interessante Frage! Ich glaube, es hätte ihn gestärkt, da die genannten Spieler allesamt gerade den respektieren, der sich für andere einsetzt und der den Fans mehr als nur ein Autogramm geben möchte, nämlich eine positive Message für ihr Leben. Und mit Sicherheit hätte es innerhalb der Mannschaft eine sehr lebhafte Diskussion ausgelöst darüber, ob es nur einen Gott gibt, und ob man sich als ernsthafter Moslem und als bekennender Christ vielleicht nicht sogar viel näher steht als man dachte. Zumindest näher als dem abgezockten Ego-Profi, der sich an seinem Kontostand aufgeilt und sich zu schade ist, nach einer Niederlage in die Fankurve zu gehen.

SCHALKE UNSER:
Was dächten Sie über einen Schalker Kapitän, der seine Rolle auch darin sähe, statt für Jesus Christus für einen nichtchristlichen Glauben oder gar für eine atheistische Anschauung zu werben?

DAVID KADEL:
Nun, ich denke, jeder, der etwas erlebt hat, das sein Leben rigoros veränderte, legt eine Art missionarisches Verhalten an den Tag. Ist doch klar, wer etwas entdeckt, der möchte es gerne mit anderen teilen. In der Bibel heißt es: „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ Ribéry steht als bekennender Moslem demonstrativ mit betenden Händen auf dem Spielfeld, finde ich gut und echt. Aber ein Atheist, der für seine Weltanschauung wirbt, das vorzustellen, fällt mir wirklich schwer – die meisten Atheisten sind da eher passiv.

SCHALKE UNSER:
Nicht zuletzt, weil religiöse Überzeugungen immer wieder Anlass zu Spannungen unter Fans geführt haben, hat die FIFA vor einiger Zeit die Zurschaustellung von religiösen Bekenntnissen im Stadion untersagt. Unter anderem ist es jetzt verboten, dass Spieler ihre Trikots lüften, um Sprüche in der Art von „Jesus liebt dich“ zu präsentieren. Halten Sie die Bedenken der FIFA für grundlos oder erkennen Sie durchaus Probleme, die mit verstärkter Zurschaustellung von Religiosität im Fußball einhergehen können?

DAVID KADEL:
Die „Probleme“, die die FIFA da mal wieder ausmacht, halte ich für dermaßen an den Haaren herbei gezogen. Aber das kennt man ja von den hohen Herren, die haben wohl zu viel Tagesfreizeit, um sich immer wieder mal solchen Käse auszudenken. Ich warte nur darauf, dass demnächst auch die Finger des Torschützen, die zum Himmel zeigen, mit Gelb bestraft werden, weil sie angeblich die religiösen Gefühle von Atheisten verletzen! Amen!

SCHALKE UNSER:
Marcelo Bordon hat dieses Verbot ja kreativ umgegangen, indem er sich einen Jesus-Spruch direkt auf die Schulter hat tätowieren lassen. Wie finden Sie das persönlich?

DAVID KADEL:
Überragend! Vor allem, weil er es auch noch auf deutsch gemacht hat. Komplett verrückt dieser Typ – und dafür liebe ich ihn.

SCHALKE UNSER:
Wie könnte man Ihrer Vorstellung nach sicherstellen, dass eine explizit christliche Bewegung in deutschen Fußballstadien keine negativen Folgen nach sich zieht, etwa auf das einmalige Zusammengehörigkeitsgefühl der Schalker Fans untereinander – gleich ob christlich, jüdisch, muslimisch oder atheistisch – und zu ihrer Mannschaft?

DAVID KADEL:
Ich denke das kann man nur dann sicherstellen, wenn es sich bei diesen „Christen“ um Menschen handelt, die einen Andersgläubigen schätzen und respektieren und ihn in erster Linie „als Mensch“ sehen, dann als Schalke-Fan und erst zuletzt als religiösen Menschen. Jesus hat das in seiner Lehre immer wieder betont, von ihm stammt ja schließlich die Aufforderung „den Nächsten zu lieben wie sich selbst“ – egal welche Religion oder Hautfarbe er hat. Das sehen die Jungs vom Projekt „Mit Gott auf Schalke“ genauso, Respekt ist alles! Gerade deswegen bekommen die ja das beste Feedback nicht von Gläubigen, sondern von Fans, die mit Glauben noch nie etwas am Hut hatten.

SCHALKE UNSER:
Ein in letzter Zeit im Fußball sehr diskutiertes Thema sind die Probleme homosexueller Spieler, die sich durch oft im Umfeld anzutreffende Schwulenfeindlichkeit und Diskriminierung genötigt fühlen, ihre sexuelle Identität geheimzuhalten und sich manchmal sogar heterosexuelle Scheinidentitäten zulegen. Denken Sie, dass offensiv ausgelebte Religiosität von Fußballspielern auch dazu beitragen könnte, ihre schwulen Mitspieler an einem Coming-Out zu hindern, insbesondere vor dem Hintergrund, dass nach einigen evangelikalen Anschauungen Homosexualität als Todsünde aufgefasst wird?

DAVID KADEL:
Also das mit der „Todsünde“ hat keinen evangelikalen, sondern einen uralten katholischen Hintergrund. Egal. Ich als Christ würde einen schwulen Fußballer genauso anfeuern und für einen Geistesblitz auf dem Platz bewundern wie einen anderen. „Nächstenliebe“ heißt es in der Bibel, nicht Nächstenhass! Die Frage nach der christlichen Anschauung wird sich keinem schwulen Fußballer stellen, denn wenn der sich outet, hat der ganz andere Probleme. Laut St. Pauli-Boss Corny Littmann wird da die berühmte Sau durchs Dorf gejagt werden. Und das, was dann ein gläubiger Mitspieler über dieses Thema denken könnte, das wäre in diesem Moment für den „Outer“ mit Verlaub „Peanuts“.

SCHALKE UNSER:
Wie empfinden Sie die jüngsten Äußerungen des DFB, homosexuelle Spieler bei Coming-Outs gegen Widerstände zu unterstützen und so Homosexualität als normale sexuelle Ausrichtung anzuerkennen?

DAVID KADEL:
Klasse! Endlich einmal ein menschlicher Zug in dieser oft paragraphösen DFB-Bürokratie. Sorry, aber das Wort habe ich gerade erfunden. Für mich deshalb eine gute Aussage, weil es betont, dass es dem DFB um Fußball geht und nicht um Ethik, Moral und Werte-Diskussionen. Fußball ist Fußball – nicht mehr und nicht weniger.

SCHALKE UNSER:
Die Schalker Fan-Ini hat vor zwei Jahren – mit der Unterstützung vom Verein – eine Kampagne namens „Out auf Schalke – Schwule und Lesben gibt’s in jedem Stadion“ initiiert, die sich gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Stadion richtete. Würden Sie sich persönlich an einer solchen Kampagne beteiligen?

DAVID KADEL:
Da ich einige Fußball-Freunde habe, die schwul sind, und mich im Kicker-Manager-Forum augenzwinkernd als „schwul“ beschimpfen, wenn ich mal wieder ein gutes Näschen hatte, würde ich auf jeden Fall ein „Out of Schalke“-Shirt anziehen, um auf die Diskriminierung aufmerksam zu machen, warum denn nicht?

SCHALKE UNSER:
Nach unseren Informationen wird „Mit Gott auf Schalke“ mitunter auch solchen Menschen ungefragt und kostenlos zugeschickt, die im Online-Shop von Schalke 04 etwas ganz anderes bestellt hatten. Wissen Sie, wer diese Gratis-Exemplare finanziert?

DAVID KADEL:
Das war kurz vor Weihnachten eine Idee von Manager Andreas Müller und Kapitän Marcelo Bordon. Beide meinten, dass man an Weihnachten für eine Liebes-Message von Gott kein Geld nehmen könnte. Fortan wurde das Buch – auch als Weihnachten vorbei war – nur noch verschenkt. In Zeiten des Bundesliga-Kommerz-Wahnsinns eine klasse Geste, wie ich finde. Finanziert hat das der FC Schalke 04.

SCHALKE UNSER:
Die „Schalke-Bibel“ ist jetzt frisch erschienen. Was haben Ihre Leser zu erwarten?

DAVID KADEL:
Marcelo und Kevin haben erzählt, wie sie ständig von den Fans gefragt werden, um was es denn bei dem Bibelkreis mit den Schalker Spielern geht. Worüber sie sich da unterhalten. Welche Bibelstellen man lesen soll, um als Christ zu leben. Welches ihre Lieblingsgeschichten in der Bibel sind. Warum ihnen die Bibel soviel bedeutet. Auf all diese Fragen möchten die Jungs in der Schalke-Bibel endlich Antwort geben. Josef Schnusenberg hat dazu ein Vorwort geschrieben, dann gibt es verschiedene Erzählungen von Marcelo Bordon (auch über sein göttliches Harley-Bike), Andy Müller, Kevin Kuranyi, Gerald Asamoah und eine persönliche Geschichte des neuen U23-Trainers Markus Högner. Aber auch Interviews, Kolumnen über Fußball und Gott, Fotos der Schalker Meistermannschaften und eine längere Erzählung von Fritz Pawelzik, einem glühenden Kuzorra-Fan, der den „Schalker Kreisel“ hautnah miterlebt hat. Natürlich nicht zu vergessen das Alte und Neue Testament und das Buch der Psalmen.

SCHALKE UNSER:
Herzlichen Dank für das Gespräch. Glück auf.


Schalker Eintrittspreise im Ligadurchschnitt?

(mb) So, allerdings mit Ausrufezeichen, titelte die Schalker Homepage am 6. Juni dieses Jahres, pünktlich zwei Wochen vor der Jahreshauptversammlung. Dieser frohen Botschaft zugrunde lag eine den 18 Erstligisten zugänglich gemachte Statistik über die Zuschauer-Einnahmen der Saison 2007/2008, in der im Falle Schalke 04 unter anderem ein durchschnittlicher Kartenpreis von „19,97 Euro, netto und ohne Gebühren“ genannt wird, exakt 50 Cent über dem Liga-Schnitt. Dieser von der Deutschen Fußball­Liga (DFL) errechnete Durchschnittswert verwundert ein wenig, wenn doch in der betreffenden Saison nur Stehplätze (11 Euro) und die günstigste Sitzplatz-Kategorie (17 Euro) darunter lagen.

Dies erklärt sich so, dass aus diesen Brutto-Eintrittspreisen Gebühren herausgerechnet werden, die allerdings nicht näher benannt werden. Da zudem nicht bekannt ist, welche Gebühren eigentlich von den anderen 17 Erstligisten aus ihren Brutto-Eintrittspreisen herausgerechnet werden, ist es völlig unklar, inwiefern dieser von der DFL genannte „Durchschnittspreis“ wirklich vergleichbar oder relevant ist.

Wirklich vergleichbar sind dagegen andere Zahlen: die Eintrittspreise, die wir Fans beim Besuch des Stadions zahlen müssen, insbesondere, wenn es um Dauerkarten geht – denn in diesen sind alle möglichen Gebühren enthalten, und es gibt keine zusätzlichen Aufschläge bei Topspielen, wie es bei den meisten Bundesligisten bei den Tageskarten üblich ist (inzwischen ja leider auch beim FC Bayern München, wie wir letzte Saison bei unserem Beinahe-Auswärtssieg feststellen mussten). Zudem werden Dauerkarten nur maximal einmal verschickt, Versandkosten oder ähnliches fallen also auch nicht ins Gewicht.

Um nun also die Preise, die ein Fan von Schalke für seine Dauerkarte zahlt, ins Verhältnis zu setzen zu denen, die ein Fan eines anderen Vereines zahlt, bietet es sich an, „identische Plätze“ miteinander zu vergleichen. Also, was kostet die Stehplatz-Dauerkarte bei Schalke, was in Bremen? Was kostet ein Sitzplatz an der Mittellinie in den 18 Stadien, oder einer direkt hinter dem Tor? Da die Stadien bezüglich Blockaufteilung und der Architektur naturgemäß unterschiedlich sind, werden hier nur solche Plätze betrachtet, die nicht nur „am gleichen Ort“ liegen, sondern die auch einigermaßen gleichen „Komfort“ bieten, das heißt: Plätze mit Sichtbehinderung werden ignoriert, ebenso solche, die nicht überdacht sind.

Die Ergebnisse eines solchen Vergleiches der Dauerkartenpreise 2008/2009 zeigen, dass im Falle Schalke 04 keine Rede mehr sein kann von „Ligadurchschnitt“ – vielmehr rückt man deutlich in die Spitzengruppe der Teuersten.

Beispiel Stehplätze: Beim FC Schalke 04 kostet eine Stehplatz-Dauerkarte 182 Euro. Werder Bremen verlangt 140 Euro, der FC Bayern München gar nur 120 Euro. Wir zahlen also über 50 Prozent mehr als die Fans des FC Bayern für eine Stehplatzdauerkarte. Und es geht noch drastischer: Vereinsmitglieder erhalten beim FC Schalke keinen Preisnachlass auf Eintrittskarten, auch nicht auf Dauerkarten – das ist bei fast allen anderen Bundesligisten allerdings der Fall. So zahlt ein Vereinsmitglied in Bremen nur 119 Euro, ein Frankfurter 109 Euro, ein Wolfsburger sogar nur 90 Euro. Für die ganze Saison.

In der Tat kostet eine Stehplatz-Dauerkarte nur in Hamburg mehr als auf Schalke: 187 Euro – Vereinsmitglieder bekommen sie allerdings für 155 Euro, man muss daher wohl feststellen, dass nirgends teurer gestanden wird als bei uns. Das ist umso erstaunlicher, als man beim FC Schalke 04 noch vor drei Jahren die günstigsten Steher der Liga anbot. Darauf konnte man stolz sein. Und heute?

Was zeigen Vergleiche an anderen Standorten im Stadion?

Ein Sitzplatz direkt hinter dem Tor kostet auf Schalke 434 Euro, ist der teuerste der Liga. Am nächsten kommen dem Bayern, Frankfurt und die Nachbarn aus’m Nahen Osten, alle ca. 10 Prozent billiger. Am günstigsten geht’s in Berlin (179 Euro), Bremen und Cottbus, die bei knapp 200 Euro liegen. Auch wenn es in Berlin und Bremen Laufbahnen gibt – dass man auf Schalke doppelt soviel zahlt, muss erstaunen.

Auch bei den Plätzen direkt an der Mittellinie gilt: Schalke hat mit 742 Euro die teuersten Plätze – das sind fast 150 Euro mehr als der vergleichbare Platz im Schlauchboot des (noch) Deutschen Meisters. 400 Euro mehr als in Leverkusen. Bei diesem Vergleich fällt in’s Gewicht, dass es in vielen Stadien unterschiedliche Preise auf Haupt- und Gegentribüne gibt, obwohl die Plätze sowohl vom Komfort als auch von der Sicht und der Nähe zum Spielfeld identisch sind. Auf Schalke kosten diese „besten Plätze“ auf beide Tribünen gleich viel, in Leverkusen beispielsweise zahlt man auf der „teureren Seite“ fast 100 Euro mehr als auf der anderen – aber selbst auf dieser „teurere Seite“ sitzt man für 440 Euro noch für über 300 Euro günstiger als bei uns. Es muss aber doch auch Plätze geben, bei denen Schalke vergleichsweise gut abschneidet, oder? Ja, gibt es. Auch wenn es selbst dort nicht wirklich „Ligadurchschnitt“ ist, immerhin gehört man nicht überall zum „Teuer-Trio“.

Beispielsweise die Plätze, die am weitesten vom Spielfeld entfernt sind, ganz oben in der Ecke. Hier zahlt man als Knappe 266 Euro, und staunt über die Preise in Hoffenheim, Lüdenscheid, Bielefeld, und Hannover, die alle zwischen 60 Euro und 80 Euro höher liegen. Allerdings bieten zwölf Erstligisten auch diese Plätze günstiger an als Schalke.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass der FC Schalke 04 nach nunmehr zwei massiven Preiserhöhungen in Folge inzwischen so ziemlich die teuersten Dauerkarten der Liga anbietet, und auch bei den Tageskarten schon lange nicht mehr zu „den Günstigeren“ gehört. Hier ist die Situation nicht ganz so dramatisch, denn im Vergleich zu fast allen anderen Bundesligisten rabattiert Schalke die Dauerkarte ziemlich knauserig.

Gut 17 Prozent vergünstigt ist die Saisonkarte auf Schalke – bei den meisten anderen Erstligisten sind es über 25 Prozent, bei manchen gar über 40 Prozent. Auch dadurch wird der Unterschied bei Dauerkarten so dramatisch, selbst wenn Schalke bei den Tageskarten nicht viel teurer liegt oder sogar günstiger ist.

Nur: Dass man beispielsweise beim Hamburger SV bei Tageskarten so richtig zulangt, das kann kein Trost sein, erst recht nicht, weil man als Gästefan auswärts ja immer nur die Tageskartenpreise zahlt – und so trifft es den Schalker dann doppelt: Bei Heimspielen werden horrende Preise für die Jahreskarte fällig, und auswärts trifft man auf Vereine, die den FC S04 immer in der teuersten Kategorie ihrer „Topspiel-Liste“ einreihen, oder die sowieso vergleichsweise hohe Tageskarten-Preise verlangen. So kommt es in 2008/2009 erstmals soweit, dass Schalker Allesfahrer für ihre 34 Eintrittskarten der Bundesliga-Saison mehr zahlen als jeder andere Fußballfan in Deutschland, und den „Ligadurchschnitt“ weit hinter sich lassen. Dabei wären wir doch so gerne woanders Spitze!

„Dieser Vergleich hinkt“

Natürlich haben wir auch dem FC Schalke 04 die Gelegenheit gegeben, seine Sichtweise zur Eintrittspreisdiskussion auf Schalke darzulegen. Die folgenden beiden Seiten dokumentieren seine Position. Der Auslöser, die Eintrittspreise zu den Schalker Heimspielen in der VELTINS-Arena zu erhöhen, war eine offizielle DFL-Statistik hinsichtlich der Zuschauereinnahmen der Saison 05/06.

Diese zeigte ein Ungleichgewicht zu diversen Konkurrenten: Schalke 04 nahm bei einem Durchschnittsbesuch von 61.000 Fans in besagter Saison 14,8 Millionen Euro in der Bundesliga ein. Borussia Mönchengladbach kam bei durchschnittlich 45.000 Anhängern auf 14,5 Millionen Euro, der HSV bei durchschnittlich 51.000 Zuschauern auf 16,2 Millionen Euro. Bayern München kommt bei knapp 65.000 Besuchern pro Spiel auf eine Mehreinnahme von 10 (!) Millionen Euro.

Daraufhin kam es 2006 und 2007 zu diversen Sitzungen des Kartenausschusses, die öffentlich und für jedermann frei zugänglich waren, zu denen der Verein mittels seiner Medien (Internet und Vereinszeitschrift) ausdrücklich eingeladen hatte.

Die Begründung einer Preiserhöhung wurde von den anwesenden Fans – verständlicherweise ohne Jubelschreie – nachvollzogen, die gemeinsam erarbeitete Formel für akzeptabel befunden: Erhöhung in zwei Stufen um 2 Euro in den günstigeren Kategorien 3-7 und um 1 Euro in den oberen Kategorien 1 und 2. Zum Vergleich: Kartenpreise bei anderen Bundesligisten wurden in den vergangenen fünf Jahren um 3 bis 6 Euro (Stehplatz) bzw. 2 bis 13 Euro (Sitzplatz) angehoben. Seitdem werden unterschiedlichste Vergleiche angestellt, die den Tenor haben, Schalke 04 sei im Vergleich zu anderen Clubs deutlich teurer geworden.

Diese Vergleiche hinken. Wer von günstigen Karten nur wenige anbietet, von teuren jedoch viele, erzielt insgesamt eine höhere Einnahme und darf sich dazu noch für niedrige Eintrittspreise feiern lassen. Viel aussagekräftiger ist also der Durchschnittspreis für ein Bundesligaspiel.

Dieser betrug der Saison 2007/08 in der gesamten Liga – netto und ohne Gebühren – 19,47 €. Bei Schalke 04 beläuft sich dieser Wert nach der durchgeführten ersten Stufe der Kartenpreiserhöhung auf 19,97 €.

Weiterhin werden für die Schalker Heimspiele 31.278 Karten angeboten, die für einen Bruttopreis inklusive Gebühren von 24 Euro oder weniger zu haben sind. Bei kaum einem Verein ist der Anteil an derart günstigen Karten im Vergleich zum jeweiligen Fassungsvermögen größer – und das bei der hohen Qualität und dem hohen Komfort in der Veltins-Arena. Zudem ist Schalke der einzige Verein, der kostenlose öffentliche Parkplätze direkt am Stadion anbietet, und bei dem zudem das Ticket für Bus, Bahn oder Nahverkehrszug im Großraum Rhein-Ruhr enthalten ist.

Zum Vergleich: Andere Vereine erheben für ihre Stadionparkplätze in der Regel Gebühren von 3 Euro (Köln), 4 Euro (Hamburg, Dortmund) bis hin zu 5 Euro (Bayern). Stehplatzkarten sind auf Schalke nicht teurer als in München und Bremen, aber auch nicht günstiger.

Und warum sollten sie es in einem Stadion mit derart hohem Komfort sein? In einem Stadion ohne Netze und Zäune?

Für Kinder gibt es in der VELTINS-Arena die Familienblöcke. Aufgrund von Auflagen der Behörden dürfen in die Arena nicht mehr als 61.673 Zuschauer bei Bundesligaspielen gelassen werden. Alles andere wäre nicht genehmigt und verstößt somit gegen die Gesetze. Bei daraus entstehenden Schäden wäre Schalke 04 verantwortlich und damit haftbar.

Zum Vorwurf, dass es im Juli beim Spiel gegen Glasgow Rangers keine günstigen Kindersitzplätze gegeben hat: Das stimmt nicht. Für die stark erweiterten Familienblöcken gab es Kindersitzplatzkarten für 6 Euro. Der Verein Schalke 04 räumt seinen Mitgliedern – abgesehen von der Möglichkeit, im Rahmen der Mitgliederaktion als erste Tageskarten kaufen zu können – bewusst keine weiteren Vergünstigungen bei Tageskarten ein. Die Mitgliedschaft ist allein eine ideelle Sache, eine Herzensangelegenheit. Daher gibt es auch keine Rabatte: Denn die Mitgliedskarte ist keine Kundenkarte. Dass dies genügend Menschen ganz genauso sehen, zeigt die aktuelle Mitgliederzahl von 75.000 – die im übrigen stetig wächst.